Die Erziehung im Fokus der SVP
Obwohl das Thema laut Parteiüberzeugung ja Privatsache ist und ausschliesslich eigenverantwortlich – sprich von Erziehenden und Eltern getragen und bestimmt werden sollte – entdeckt die SVP nun das Thema “Erziehung” und bringt damit die Familie ins Rampenlicht ihrer aktuellen Politik.
Man ist versucht zu sagen, endlich interessiert sich die SVP für die Kernzelle unserer Gesellschaft und bietet Möglichkeiten, diese zu unterstützen und zu stärken.
Die Partei des “Volkes” spürt die steigende Unsicherheit gewisser Eltern in erzieherischen Fragen. Aber anstatt die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit einerseits zu stärken und andererseits auf die veränderten Familienstrukturen einzugehen, huldigt sie einem Ideal und einer Gesinnung der 50iger und 60iger Jahre, die mit der realen Situation heutiger Familien wenig zu tun hat. Auch wenn die Werte der Familie – Geborgenheit, Sicherheit, Nähe – noch heute unbestritten und zentral sind, so sind Familien heute vielschichtiger denn je. In dieser Situation benötigen Eltern und Erziehende ein Umfeld und eine Umgebung, die sie unterstützen und tragen. Die weder moralisieren noch wegschauen, aber ihnen Perspektiven für das Gelingen geben. Und es braucht Bedingungen und Angebote, die vorallem da sind, den Kindern ihre Zukunft – ungeachtet ihrer Familienstruktur – zu sichern. Selbstverständlich soll in jedem Fall auch an die Eigenverantwortlichkeit der Eltern appelliert werden. Die Eltern jedoch anzuprangern ist meiner Meinung nach der falsche Weg. “Ein grosses Problem ist die Gleichgültigkeit der Eltern” sagt die Expertin in Sachen Erziehung der SVP, Silvia Blocher, in einem Interview der aktuellen Ausgabe von “Fritz&Fränzi”.
Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Elternbildung habe ich andere Erfahrungen gemacht: Eltern kümmern sich sehr wohl um ihren Nachwuchs. Viele heutige Eltern bilden sich in ihrer Erziehungsarbeit weiter. Sie lesen Fachliteratur, besuchen Kurse oder niederschwellige Angebote im Bereich der Elternbildung, treffen sich zum Erfahrungsaustauch und speziell auch Väter setzen sich mehr als früher aktiv mit ihren Kindern auseinander.
Es gibt Fachpersonen im Bereich Erziehung die feststellen, dass sich die heutigen Eltern grundsätzlich mehr mit ihren Kindern beschäftigen als frühere Generationen. Ganz einfach darum, weil Eltern sich heute bewusst für Kinder entscheiden, Grossfamilien die Ausnahme sind und somit der Fokus im Durchschnitt meist auf zwei Kindern liegt.
Die Idealvorstellung, dass früher den Kindern in den Familien mehr Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt wurde, darf zumindest was Bauernfamilien mit zahlreichen Kindern und anstrengender Arbeit für beide Elternteile auf Feld und Hof angeht, in Frage gestellt werden. Abgesehen von all jenen Müttern, die früher aufgrund des gesellschaftlichen Drucks auf eine Berufstätigkeit verzichteten und frustiert zuhause blieben (wo waren da überhaupt die Väter??).
Erhielten diese Kinder mehr Liebe und Aufmerksamkeit als heute? Wohl kaum. Erziehung beginnt mit Beziehung. Und Beziehung entsteht mit Zuwendung und aktivem Interesse der Eltern an den Kindern. Ich bin der festen Ueberzeugung, dass der überwiegende Teil der heutigen Eltern seine Kinder liebt und sich für sie in einem positiven Sinne engagiert und ihre Erziehungsverantwortung auch wahrnimmt.
Diese Eltern sollen in ihrer Art und Weise, wie sie ihr tägliches Familienleben meistern, weder ständig kritisiert und gehindert noch sich selbst überlassen werden. Wenn wir das Fortbestehen unserer Gesellschaft sichern möchten, müssen wir die Kernzelle unserer Gesellschaft wirksam stärken und begreifen, dass die Familie in einem stetigen Wandel ist, dem wir zu begegnen haben.
Konkret heisst das: Unterstützung der Eltern durch gezielte Elternbildung, die auch etwas kosten darf. Familienergänzende Betreuung und Tagesschulen, konkrete steuerliche Entlastung für Familien, neue juristische Modelle für den Begriff Familie (die vorallem Kinder in Familienformen wie Patchworkfamilien und Alleinerziehende nicht benachteiligen), alternative Arbeitszeitmodelle auch für Kaderpositionen.
siehe dazu
Positionspapier CVP Familienentlastung jetzt!
Vernehmlassungspapier Elternschaftsurlaub
Vernehmlassungspapier Partieller Elternschaftsurlaub


Lisa Winterhalter August 20th, 2009 08:07 am
Danke für die spannenden Ausführungen. Auf NZZ Votum macht sich übrignens Frau Meier-Schatz ähnliche Gedanken wie Sie.
Ich frage mich einfach: WIe sollte dann die Gesellschaft helfen. Es kann doch nicht sein, dass wir einfach Elternbildung brauchen und dann ist das Problem gelöst…..