Eine kleine Alltagsgeschichte zum Thema anhaltende Kostenexplosion im Gesundheitswesen

Die eidgenössischen Parlamentarier debattieren auch in der aktuellen Sommersession in Bern einmal mehr darüber, wie die Kostenexplosion im Gesundheitswesen wirksam eingedämmt werden könnte. Derweil geht der ganz normale Wahnsinn dieses Systems munter weiter. Ein profanes Müsterchen aus dem Alltag einer Familie mit zwei lebhaften Jungs zeigt, wo es – wenn auch im Kleinen – noch Potential für eine Optimierung der Kosten gäbe.

Es geschah vor ein paar Wochen, da stiess sich unser älterer Sohn beim wilden Spiel mit seinem Bruder unmittelbar vor der Schlafenszeit an der Zimmertüre seine Zähne an. Obwohl glücklicherweise nichts Schlimmeres passierte, war uns bewusst, dass eine gründliche Überprüfung der Zähne nötig war. Ein Vitalitätstest der Zähne sowie allenfalls ein Röntgenbild stellen sicher, dass sich die nachwachsenden Zähne bei einem Stoss nicht verletzt haben, bzw. mögliche spätere Beeinträchtigungen frühzeitig erkannt werden. Für Eltern, die für ihre Kinder eine Zahnversicherung abschliessen, wird der Nachweis von den Krankenkassen zwingend gefordert. Ich rief also am nächsten Morgen die Dentalhygienikerin in unserer Gemeinde an. Sie ist für uns wie auch für unsere Schule eine Vertrauensperson und kennt durch die regelmässigen von der Schule geforderten Jahresuntersuchungen die Kinder bestens. Ihr herzlicher Umgang lässt zudem vergessen, dass die Untersuchungen im Mund nicht unbedingt Spass machen.
Im Anschluss an den Besuch schickte ich den unauffälligen Vitalitätstest und das Röntgenbild des betroffenen Zahns inkl. der Rechnung unter CHF 100.– umgehend unserer Krankenkasse.

Das Resultat war, dass die Krankenkasse uns beschied, sie würden eigentlich solche Untersuchungen nur von einem diplomierten Zahnarzt akzeptieren. Nach meinem Vorschlag, ich wäre nur um die Aktennotiz froh und würde die Kosten selber tragen, entschied die zuständige Sachbearbeiterin, sie würde dieses Mal ein Auge zudrücken und auch die Kosten ohne Abzug eines Selbstbehaltes übernehmen. Dass eine solche Rechnung – notabene mit den gleichen Leistungen – bei einem Zahnarzt doppelt so viel kostet, haben wir dann letzte Woche erfahren. Dieses Mal gab’s ein Rencontre zwischen den Milchzähnen unsere jüngeren Sohnes und eines Mäuerchens. Und wir suchten aufgrund der eindringlichen Worte der Krankenkasse unter Zeitdruck (eine solche Untersuchung sollte immer umgehend geschehen) den leider nächstbesten “richtigen” Zahnarzt auf (da unsere Jungs bisher punkto Zähne total unauffällig waren, war uns ja eben “nur” die Dentalhygienikerin im Dorf bekannt). Dieser hat etwas umständlich und langatmig im Wesentlichen ebenfalls die Vitalität der Zähne getestet sowie ein Röntgenbild des betroffenen Zahns gemacht. Die Rechnung habe ich inzwischen auch erhalten: Deutlich über CHF 200.-. Zudem sind wir in unserer Notsituation auf einen menschen- und vorallem kinderunfreundlichen Zeitgenossen gestossen, der unserem Jüngsten die Lust auf weitere Zahnuntersuchungen jedwelcher Art deutlich vergrault hat. Dafür wird nun die Krankenkasse den doppelt so hohen Betrag ohne Selbstbehalt anstandslos rückerstatten und eine Aktennotiz über diese Vorfall schützt uns vor späteren Vorbehalten.

Hier scheinen die Lobbyisten der Zahnärzte immer noch erfolgreich darauf einzuwirken, dass ihnen niemand den Kuchen streitig machen kann. Obwohl es ja ganz offensichtlich ist: hier bietet jemand die gleiche Leistung zu einem deutlich höheren Preis. Dass dies die Krankenkassen ebenfalls akzeptieren macht meinen grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber den Krankenkassen nicht besser. Dass unsere kleine Geschichte kein Einzelfall ist, beweisen immer wieder in den Medien beschriebene Fälle von Patientenorganisationen und Konsumentenverbänden. Als Bürgerin, die jedes Jahr immer mehr Prämien zahlt frage ich mich schon, wie lange dieses ständige Herumschieben der Kosten im Gesundheitswesen davon ablenkt, endlich konkret bei Kostentreibern anzusetzen.

Kommentare

Ein Kommentar zu “Eine kleine Alltagsgeschichte zum Thema anhaltende Kostenexplosion im Gesundheitswesen”

  1. Barbara Schmid-Federer am 25. Juni 2010 13:29

    Das ist auch der Grund, warum in Bern das “Integrierte Versorgungsmodell” beraten wird: Ziel ist es, dass die Patienten sich innerhalb eines Versorgungsnetztes bewegen, in welchem eben auch Spitex, Apotheken oder ähnliche Leistungsanbieter eingebunden sind. Auch wenn das Modell “Managed Care” noch nicht in unser Bewusstsein geraten ist: Es lohnt sich, dieses zu unterstützen!

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