Verordnete Erziehungskurse sind keine Elternbildung
6. Oktober 2009 | Ein Kommentar
Die Zürcher Bildungsdirektion plant, säumige oder überforderte Eltern durch die Schulpflege einer Gemeinde zu Erziehungskursen zu verpflichten. Und die Eltern müssen sich auch finanziell daran beteiligen.
Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, dass die Bildungsdirektion des Kantons Zürich nach Möglichkeiten und Massnahmen sucht, die Eltern wieder vermehrt in die Pflicht zu nehmen. Es ist nach wie vor eine Minderheit von Eltern, die sich aus der Erziehungsverantwortung verabschiedet hat. Trotzdem wird es für Lehrpersonen von Schülern, die zuhause weder Grenzen noch Unterstützung erfahren immer schwieriger, ihrem Kerngeschäft, der Vermittlung von Bildung, wirklich nachzukommen. Die Lehrpersonen begrüssen denn auch klar die neue Regelung.
Als ehemalige, langjährige Leiterin der Elternbildung Erlenbach befürchte ich allerdings eine mögliche Gleichsschaltung von Elternbildung und verpflichtenden Erziehungskursen für Eltern: Ich widerspreche ganz klar der Aussage von Martin Wendelspiess (Zürcher Bildungsdirektion), der meint, dass diese Möglichkeit zur Verpflichtung grundsätzlich dem Thema Elternbildung mehr Ernsthaftigkeit verleihen soll.
Die Angebote der Elternbildung richten sich an eine interessierte Elternschaft, die sich in freiwilliger Art und Weise aktiv mit ihrer Erziehungsarbeit auseinandersetzt und in einen Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern kommen möchte. Immer wieder stellen OrganisatorInnen der Elternbildung denn auch fest, dass sich besonders Eltern, die sich ihrer Rolle als Erziehende bewusst sind, an diesen Kursen und Veranstaltungen – übrigens in steigendem Masse – teilnehmen. Sie nutzen die Angebote als Bestätigung ihrer Erziehungsarbeit, zur Weiterbildung oder eben zum Erfahrungsaustausch mit anderen interessierten Eltern. Für dieses positive Image der Elternbildung als stärkende und fördernde Kraft für Eltern wurde lange Jahre im ganzen Kanton gearbeitet.
Die Voraussetzung für Eltern, die zu Erziehungskursen verknurrt werden ist jedoch eine total andere: Renitente, uneinsichtige und offensichtlich überforderte Eltern werden unter Androhung von Bussen zur Teilnahme an Erziehungskursen aufgefordert. Dass dies eine Klientel ist, welche sich einerseits schwer mit interessierten Eltern mischen lässt und andererseits eine angemessene Vorbereitung des Kurses sowie eine in der Gruppenführung speziell kompetente Kursleitung voraussetzt, liegt meiner Meinung nach auf der Hand. Und da mache ich mir eben gerade Sorgen um den sorgsamen, langjährigen Aufbau einer Elternbildung, die vor allem auf Freiwilligkeit und Interesse der Teilnehmenden aufbaut. Denn eines ist sicher: Verordnete Erziehungskurse sind aufwändiger: Sie benötigen eine sorgfältige Vorbereitung, setzen eine Kursleitung voraus, die mit Störungen und Konflikten umzugehen weiss und dürfen vorallem nicht mit anderen Elternbildungskursen gemischt werden. Aufwändige Vorbereitung und Durchführung setzen auch einen finanziellen Mehraufwand voraus. Ich hoffe sehr, dass die Bildungsdirektion sich dieser Abläufe wirklich bewusst ist und die jahrelange Aufbauarbeit der Elternbildung in Kanton Zürich und Kommunen mit einem unbedachten Schnellschuss nicht gefährdet.
Artikel dazu vom TAGES-ANZEIGER 26.09.2009:
TAGI260909
Die Erziehung im Fokus der SVP
13. Oktober 2008 | Ein Kommentar
Obwohl das Thema laut Parteiüberzeugung ja Privatsache ist und ausschliesslich eigenverantwortlich – sprich von Erziehenden und Eltern getragen und bestimmt werden sollte – entdeckt die SVP nun das Thema “Erziehung” und bringt damit die Familie ins Rampenlicht ihrer aktuellen Politik.
Man ist versucht zu sagen, endlich interessiert sich die SVP für die Kernzelle unserer Gesellschaft und bietet Möglichkeiten, diese zu unterstützen und zu stärken.
Die Partei des “Volkes” spürt die steigende Unsicherheit gewisser Eltern in erzieherischen Fragen. Aber anstatt die Eltern in ihrer Erziehungsarbeit einerseits zu stärken und andererseits auf die veränderten Familienstrukturen einzugehen, huldigt sie einem Ideal und einer Gesinnung der 50iger und 60iger Jahre, die mit der realen Situation heutiger Familien wenig zu tun hat. Auch wenn die Werte der Familie – Geborgenheit, Sicherheit, Nähe – noch heute unbestritten und zentral sind, so sind Familien heute vielschichtiger denn je. In dieser Situation benötigen Eltern und Erziehende ein Umfeld und eine Umgebung, die sie unterstützen und tragen. Die weder moralisieren noch wegschauen, aber ihnen Perspektiven für das Gelingen geben. Und es braucht Bedingungen und Angebote, die vorallem da sind, den Kindern ihre Zukunft – ungeachtet ihrer Familienstruktur – zu sichern. Selbstverständlich soll in jedem Fall auch an die Eigenverantwortlichkeit der Eltern appelliert werden. Die Eltern jedoch anzuprangern ist meiner Meinung nach der falsche Weg. “Ein grosses Problem ist die Gleichgültigkeit der Eltern” sagt die Expertin in Sachen Erziehung der SVP, Silvia Blocher, in einem Interview der aktuellen Ausgabe von “Fritz&Fränzi”.
Im Rahmen meiner Tätigkeit in der Elternbildung habe ich andere Erfahrungen gemacht: Eltern kümmern sich sehr wohl um ihren Nachwuchs. Viele heutige Eltern bilden sich in ihrer Erziehungsarbeit weiter. Sie lesen Fachliteratur, besuchen Kurse oder niederschwellige Angebote im Bereich der Elternbildung, treffen sich zum Erfahrungsaustauch und speziell auch Väter setzen sich mehr als früher aktiv mit ihren Kindern auseinander.
Es gibt Fachpersonen im Bereich Erziehung die feststellen, dass sich die heutigen Eltern grundsätzlich mehr mit ihren Kindern beschäftigen als frühere Generationen. Ganz einfach darum, weil Eltern sich heute bewusst für Kinder entscheiden, Grossfamilien die Ausnahme sind und somit der Fokus im Durchschnitt meist auf zwei Kindern liegt.
Die Idealvorstellung, dass früher den Kindern in den Familien mehr Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt wurde, darf zumindest was Bauernfamilien mit zahlreichen Kindern und anstrengender Arbeit für beide Elternteile auf Feld und Hof angeht, in Frage gestellt werden. Abgesehen von all jenen Müttern, die früher aufgrund des gesellschaftlichen Drucks auf eine Berufstätigkeit verzichteten und frustiert zuhause blieben (wo waren da überhaupt die Väter??).
Erhielten diese Kinder mehr Liebe und Aufmerksamkeit als heute? Wohl kaum. Erziehung beginnt mit Beziehung. Und Beziehung entsteht mit Zuwendung und aktivem Interesse der Eltern an den Kindern. Ich bin der festen Ueberzeugung, dass der überwiegende Teil der heutigen Eltern seine Kinder liebt und sich für sie in einem positiven Sinne engagiert und ihre Erziehungsverantwortung auch wahrnimmt.
Diese Eltern sollen in ihrer Art und Weise, wie sie ihr tägliches Familienleben meistern, weder ständig kritisiert und gehindert noch sich selbst überlassen werden. Wenn wir das Fortbestehen unserer Gesellschaft sichern möchten, müssen wir die Kernzelle unserer Gesellschaft wirksam stärken und begreifen, dass die Familie in einem stetigen Wandel ist, dem wir zu begegnen haben.
Konkret heisst das: Unterstützung der Eltern durch gezielte Elternbildung, die auch etwas kosten darf. Familienergänzende Betreuung und Tagesschulen, konkrete steuerliche Entlastung für Familien, neue juristische Modelle für den Begriff Familie (die vorallem Kinder in Familienformen wie Patchworkfamilien und Alleinerziehende nicht benachteiligen), alternative Arbeitszeitmodelle auch für Kaderpositionen.
siehe dazu
Positionspapier CVP Familienentlastung jetzt!
Vernehmlassungspapier Elternschaftsurlaub
Vernehmlassungspapier Partieller Elternschaftsurlaub














