Verordnete Erziehungskurse sind keine Elternbildung
Die Zürcher Bildungsdirektion plant, säumige oder überforderte Eltern durch die Schulpflege einer Gemeinde zu Erziehungskursen zu verpflichten. Und die Eltern müssen sich auch finanziell daran beteiligen.
Grundsätzlich kann ich nachvollziehen, dass die Bildungsdirektion des Kantons Zürich nach Möglichkeiten und Massnahmen sucht, die Eltern wieder vermehrt in die Pflicht zu nehmen. Es ist nach wie vor eine Minderheit von Eltern, die sich aus der Erziehungsverantwortung verabschiedet hat. Trotzdem wird es für Lehrpersonen von Schülern, die zuhause weder Grenzen noch Unterstützung erfahren immer schwieriger, ihrem Kerngeschäft, der Vermittlung von Bildung, wirklich nachzukommen. Die Lehrpersonen begrüssen denn auch klar die neue Regelung.
Als ehemalige, langjährige Leiterin der Elternbildung Erlenbach befürchte ich allerdings eine mögliche Gleichsschaltung von Elternbildung und verpflichtenden Erziehungskursen für Eltern: Ich widerspreche ganz klar der Aussage von Martin Wendelspiess (Zürcher Bildungsdirektion), der meint, dass diese Möglichkeit zur Verpflichtung grundsätzlich dem Thema Elternbildung mehr Ernsthaftigkeit verleihen soll.
Die Angebote der Elternbildung richten sich an eine interessierte Elternschaft, die sich in freiwilliger Art und Weise aktiv mit ihrer Erziehungsarbeit auseinandersetzt und in einen Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern kommen möchte. Immer wieder stellen OrganisatorInnen der Elternbildung denn auch fest, dass sich besonders Eltern, die sich ihrer Rolle als Erziehende bewusst sind, an diesen Kursen und Veranstaltungen – übrigens in steigendem Masse – teilnehmen. Sie nutzen die Angebote als Bestätigung ihrer Erziehungsarbeit, zur Weiterbildung oder eben zum Erfahrungsaustausch mit anderen interessierten Eltern. Für dieses positive Image der Elternbildung als stärkende und fördernde Kraft für Eltern wurde lange Jahre im ganzen Kanton gearbeitet.
Die Voraussetzung für Eltern, die zu Erziehungskursen verknurrt werden ist jedoch eine total andere: Renitente, uneinsichtige und offensichtlich überforderte Eltern werden unter Androhung von Bussen zur Teilnahme an Erziehungskursen aufgefordert. Dass dies eine Klientel ist, welche sich einerseits schwer mit interessierten Eltern mischen lässt und andererseits eine angemessene Vorbereitung des Kurses sowie eine in der Gruppenführung speziell kompetente Kursleitung voraussetzt, liegt meiner Meinung nach auf der Hand. Und da mache ich mir eben gerade Sorgen um den sorgsamen, langjährigen Aufbau einer Elternbildung, die vor allem auf Freiwilligkeit und Interesse der Teilnehmenden aufbaut. Denn eines ist sicher: Verordnete Erziehungskurse sind aufwändiger: Sie benötigen eine sorgfältige Vorbereitung, setzen eine Kursleitung voraus, die mit Störungen und Konflikten umzugehen weiss und dürfen vorallem nicht mit anderen Elternbildungskursen gemischt werden. Aufwändige Vorbereitung und Durchführung setzen auch einen finanziellen Mehraufwand voraus. Ich hoffe sehr, dass die Bildungsdirektion sich dieser Abläufe wirklich bewusst ist und die jahrelange Aufbauarbeit der Elternbildung in Kanton Zürich und Kommunen mit einem unbedachten Schnellschuss nicht gefährdet.
Artikel dazu vom TAGES-ANZEIGER 26.09.2009:
TAGI260909


Kathie Wiederkehr Oktober 19th, 2009 17:01 pm
Das Thema “angeordnete Elternbildung” löst – besonders durch die oft
polemische Berichterstattung in den Medien – viele Emotionen aus. Die
angeordnete Elternbildung ist keine Allerheilmittel und muss sehr gezielt
und sorgfältig eingesetzt werden. Wichtig ist dabei vor allem die
Gesprächsführung und die Haltung den Eltern gegenüber. Fachleuten wie
Behörden müssen darauf sensibilisiert und geschult werden.
Elternbildner/innen, die bereit sind, Mütter und Väter aufzunehmen, bei
denen der Besuch von Elternbildungsveranstaltungen angeordnet wurde,
benötigen spezielle Unterstützung (Schulung, Supervision etc.) und
zusätzliche Ressourcen für Gespräche etc.
Verschiedene Projekte aus dem In- und Ausland zeigen aber, dass – wenn gut
hingeschaut wird, wo eine solche Massnahme Sinn macht und die Verpflichtung
sorgfältig, respektvoll und achtsam den Eltern gegenüber gemacht wird -
angeordnete Elternbildung durchwegs Erfolg haben kann und im Nachhinein von
den Eltern auch geschätzt wird.