Vom Vergehen und Entstehen unserer Gemeinschaft

SchirrmacherAuch dieses Jahr habe ich die Weihnachtsferien, dh. die paar Tage Ruhe und Musse zwischendurch nutzen können und intensiv gelesen. Meine Berliner Freundin – danke Aenne!! – hat mit ihrem Präsent voll ins Schwarze getroffen, denn für mich war schon lange nicht mehr ein Buch so anregend:

Frank Schirrmacher beschreibt in “Minimum” die Situation in die sich unsere Gesellschaft manöveriert, wenn wir unseren sozialen Beziehungen zuwenig Sorge tragen und er zeigt auf, wie wichtig verwandtschaftliche Netzwerke – sprich Familiensysteme – für unsere Zukunft sind. Gerade in Europa, wo Wirtschaftskrise und neoliberale Kräfte den Wohlfahrtsstaat immer mehr in Frage stellen, wird der Ruf nach der Familie, welche als privates Versorgungs- und Versicherungsnetz die Verantwortung übernimmt, immer lauter. Doch wer soll das genau sein? Die Anzahl der Singlehaushalte in den vergangenen Jahren in Agglomerationen und Städten ist sprunghaft gestiegen. Immer mehr Familiensysteme zerbrechen. Der Trend zur Individualisierung der Gesellschaft hält an. Und das grösste Problem: Es fehlt der Nachwuchs, der sich um die ältere Generation kümmert, die ihrerseits immer zahlreicher und älter wird.

Das Buch regt mich an, darüber nachzudenken, was zu tun ist, um in meinem persönlichen Lebensraum dafür zu sorgen, dass die bedrückende und beängstigende Vision Schirrmacher’s nicht Realität wird. Wir müssen uns der Bedeutung sozialer Gemeinschaften – Familien, Nachbarschaftshilfe, Vereine und Dorfgemeinschaften – wieder vermehrt klar werden. Generationenübergreifende Projekte – wie bsp. die Aktion der Leihgrosseltern in der Kinderbetreuung – dürfen trotz Wirtschaftskrise nicht weggespart werden. Es stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördert die Vernetzung, wenn verschiedene Institutionen eines Dorfes gemeinsam Anlässe organisieren – als Einwohnerin unterstütze ich dieses Engagement mit meiner Präsenz. Viele Vereine beklagen einen zunehmenden Mitgliederschwund und Sportvereine finden keine Trainer für Juniorenabteilungen – gerade im Sport wird das soziale Gewissen unserer Kinder gestärkt, wir Eltern sind gefordert, diese Vereine auch mit persönlichem Einsatz zu unterstützen. Ich vermisse an meinem Wohnort schon seit einigen Monaten den langjährigen Postboten, der durch eine billige Teilzeitkraft ersetzt wurde. Dabei erfüllen gerade auch Postboten wichtige soziale Funktionen für ältere Personen, die dank persönlicher und täglicher Briefzustellung sozialen Kontakt zur Aussenwelt haben.

Tja, das hört sich nun alles an nach “es gibt nichts gutes, ausser man tut es” – aber vermutlich ist es halt eben schon so, dass wir eigenverantwortlich unseren Beitrag leisten müssen. Und wenn wir bei uns in unserer unmittelbaren Umgebung damit anfangen, dann sind die Resultate für mich jedenfalls anregend genug, weiterzumachen. Das dies nicht gerade immer einfach und entspannend ist, das habe ich auch nicht behauptet, denn wo Gemeinschaft entsteht, gibt’s Reibung – aber die erzeugt schliesslich auch Wärme.

Kommentare

2 Kommentare zu “Vom Vergehen und Entstehen unserer Gemeinschaft”

  1. Barbara Schmid-Federer am 25. Januar 2010 10:51

    Liebe Nicole

    Ich habe das Buch gestern gelesen. Und dann noch einmal, und dann noch einmal. Wenn alle SchweizerInnen es lesen würden, könnten wir ab morgen gemeinsam handeln.
    Schön wär’s!

  2. Michèle Komatzki Lippmann am 3. Februar 2010 00:30

    Liebe Nicole

    Hand auf’s Herz .Hast Du neue “Erkenntnisse” durch Schirrmacher erhalten, oder bleibt es bei ” ja, das sollte man tun,
    aber”?

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